Deutsch-tschechischer Stammtisch in Eger 2000-2018

Ein Beitrag von Günther Juba

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Česko-německý stůl pro stálé hosty

„Ahoj sousedé! - Hallo Nachbarn!“

Bürgerinitiative für eine gute Nachbarschaft von Waldsassen, Cheb (Eger) und Umgebung

Situation am „Eisernen Vorhang“: Waldsassen und Cheb – nur 10 km entfernt, doch unerreichbar – waren beide „am Rande der Welt“. Das Bewusstsein der Nachbarn prägten die Wunden der Vergangenheit, ein einseitiges Geschichtsbild, Vorurteile und Ängste.
21. August 1968 Ende des „Prager Frühlings“: Mitleid und Bewunderung – für mich eine Beziehung zu Menschen, die ich noch gar nicht kannte.
1.Juli 1990
Grenzübergang geöffnet
Erste persönliche Kontakte, (Tschechisch als „Türöffner“: mit den Nachbarn auf Augenhöhe, auch bei geringen Sprachkenntnissen)
1995: Schulpartnerschaft mit ZvŠ Franzensbad Besonderer Glücksfall: „Vážena pani ředitelka – moje hezka dcera“, aus Schulpartnerschaft > herzliche Freundschaften bis heute.
Nach der Grenzöffnung: fast nur negative Presseberichte (sogar im „Spiegel“ und im Fernsehen)
  • D: fast nur über Autodiebstähle, Falschgeld, Prostitution, KO-Tropfen,   Raubüberfälle, „Hundefleisch“ im Restaurant, ...
  • CZ: Arroganz von Deutschen, ärgerliche Vorfälle, Sextourismus, Gier nach Drogen, Sudetendeutsche als „Revanchisten“, ...
Wenige positive Meldungen Berichte über Schulpartnerschaften – sonst fast nur negative Informationen.
politische „Eiszeit“ Die Wunden der Vergangenheit aufgerissen: man redete – auf beiden Seiten - nur von erlittenem Unrecht (... halbe Wahrheiten). So wurden –  Ressentiments erzeugt – auch aus parteipolitischem Kalkül (....Wähler) Kein Bewusststein einer gemeinsame Verantwortung für die Zukunft,
Tiefpunkt in den nachbarschaftlichen Beziehungen

Die Vorurteile waren umso größer, je näher die Menschen in der Nähe der Grenze lebten! (... obwohl dies als paradox erscheint!)

  • D: nur Tanken, Angst vor Autodiebstahl
  • CZ: nur Einkaufs- und Verdienstmöglichkeiten

Nachts aber trafen sich die „falschen Leute“, ... welche die Vorurteile („die Deutschen“ bzw. „die Tschechen“) verschlimmerten.

12/1999 und 2/2000 Besuche Waldsassener Tschechischkurs und Egerer Deutschkurs – Vorschlag: Einladung, die Nachbarn jenseits der Grenze kennenzulernen.
Ziel: durch persönliche Bekanntschaften Vertrauen aufbauen.

1. Mai 2000

Deutsch-tschechischer Stammtisch „Ahoj sousedé! - Hallo Nachbar!“ wird gegründet.

Gleichlautender Pressebericht „Ahoj sousedé! - Hallo Nachbar!“ für die Zeitungen „Chebský Deník“ und „Der Neue Tag“, dazu Foto.
Dies ist damals bei den meisten Leuten noch auf Unverständnis gestoßen. (Kopfschütteln, Misstrauen, sogar aggr. Ablehnung....)

Ziel:
gute Nachbarschaft durch persönliches Vertrauen aufbauen
  • für alle Bürger offen (Alter, Beruf, Konfession, Nationalität ... unwichtig)
  • regelmäßige Treffen, immer am 1. im Monat, in Cheb/Eger (unsere tschechischen Freunde hatten kein Auto – die Rentner immer noch nicht!), jetzt im Restaurant des Kulturzentrums Svoboda (Wer nur sporadisch kommt – z.B. weil er einen weiten Anfahrtsweg hat –  kann sich auf Termin und Ort verlassen.)
  • Erst kamen Leute, die nur kurzzeitig Interesse hatten - auch „Spione“,
  • sehr bald aber ein „Harter Kern“ von Leuten, die uns treu geblieben sind - enge Freundschaften durch Vertrauen und Sympathie.
  • zwei Sprecher (deutsch und tschechisch), da gleichwertige Partnerschaft.
  • kein Verein, keine Verpflichtungen (... keine „Schwellenangst“: wer kommt, ist willkommen – wer nicht kommt, muss sich nicht entschuldigen).
  • kein Mitgliedsbeitrag – deshalb allerdings auch kein Geld.
Herkunft der Mitglieder (20 bis 55 Besucher) einige kommen von weit her: Oberpfalz, Oberfranken, Sachsen, Bezirk Karlovy Vary u.a.,  meist ebensoviele Tschechen wie Deutsche (...nicht unwichtig!)
leider nur wenige Jugendliche – aber gerade die Ältesten oft besonders motiviert: Erinnerung an nationale Probleme – glücklich über Friedenszeit
persönliche Freundschaften

“Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass ein Deutscher mein Freund sein kann ...“
Einige haben weite Anfahrten, nur um für ca. 2 ½ Stunden die Freunde wiederzusehen. -  z.T. sogar Übernachtungen!

  • Besuche zu Familienfesten und auch zu traurigen Anlässen
  • gegenseitige Hilfe (Gartenpflanzen, Umzug, Umbau..)
  • das „DU“ als Zeichen der Sympathie (oft schon nach sehr kurzer Zeit)
  • 2008 sogar: Taufe einer jungen Tschechin in der Basilika Waldsassen – alle Mitglieder dabei, auch evang. Christen und Leute ohne Religionszugehörigkeit
Gemeinsamkeiten Offenheit und Interesse an allem, was anders ist (statt Misstrauen und Ablehnung)
soziales Denken und Fühlen (unabhängig von Nationalität, Religion….),
Bewusstsein der Mitverantwortung jedes Einzelnen (für eine bessere Zukunft)
Engagement – auch außerhalb des Stammtisches
Aktivitäten jenseits der monatlichen Treffen
  • Informationen (Anfragen, da wir für „Experten“ gehalten werden) und Beratungen
  • Vermittlung von Kontakten (Partnerschaften von Kindergärten, Schulen, Büchereien, Vereinen, caritativen Organisationen ... )
  • Übersetzungen und Korrekturen (Verbesserungen bei Übersetzungen ins Deutsche)
  • Presseberichte – Abbau von Vorurteilen – Informationen um das Interesse am Nachbarn jenseits der Grenze zu wecken)
  • Ausflüge, Besichtigungen von Sehenswürdigkeiten, Museen, Konzertbesuche
  • Nikolausfeiern, Literarische Abende, Vorträge, Liederabende,
  • Caritative Unterstützungen (Kleider- und Sachspenden, Hilfe: Diakonie und Caritas)
  • Aktionen am Grenzübergang Waldsassen/Hundsbach – Cheb/Sváty Křiž:
    1. (16.04.2003), dem Tag der Unterzeichnung des Beitritts von 10 neuen Mitgliedern in die Europäische Union in Athen,
    2. (1.05.2004), EU-Beitritt von 10 neuen Mitgliedern,
    3. (1.07.2010), 20. Jahrestag der Öffnung des Grenzübergangs
  • Vermittlung von Benefizkonzerten für den Wiederaufbau der Türme der Nikolauskirche (2006)
  • Mitarbeit bei der Ausstellung „950 tváří a osudů z Chebu“ - „950 Menschen und Schicksale in Eger“, anlässlich der 950-Jahrfeier von Cheb/Eger (2011):
  • Werbung bei ehemaligen deutschen Bürgern – Aufschreiben der Schicksale, (Berichte und Fotos haben z.T. die Qualität historischer Dokumente), Übersetzung, Korrektur
  • Ansprechpartner, Vermittler, Mitarbeiter, Berater (Perspektive von außen)
Politik Abstand von der Politik (die politischen Misstöne, die noch vor 18 Jahren sehr häufig gegeben hat, haben uns das umso mehr zusammengeschweißt).
im Gespräch aber keine Tabuthemen  (sogar die Kritik an Politikern - bei gegenseitigem Vertrauen möglich und sogar erwünscht).
Zeitungsarbeit, als „Kommunal-pädagogik“ (seit 2008) Die meisten Leute hatten keine Ahnung, was jenseits der Grenze passiert.
Aber: „Man kann aber nur schätzen was man auch kennt“ (pädagog. Arbeit)
Zeitungsberichte (Der neue Tag) haben das Interesse an unseren Nachbarn jenseits der Grenze geweckt. (auch Frankenpost, Egerer Ztg, Sudetendeutsche Ztg)
Beiträge zu Geschichte und Sehenswürdigkeiten (z. Zt. 73) auf den deutsch-sprachigen Seiten der Stadt Cheb tic.cheb.cz/DE/ - z.Zt. monatlich über 2000 Leser, auch Beiträge auf der Webseite der Stadt http://www.cheb.cz/
Zeitungsberichte über den deutsch-tschechischen Stammtisch:

Der Neue Tag (Oberpfalz),
Chebsky Deník,
Frankenpost (Oberfranken)
Františkolazeňske Listy, (Franzensbad)
Freie Presse (Sachsen),
Landeszeitung (Prag),
Prager Zeitung,
Mlada Fronta Dnes (Prag)
Radnični Listy (Cheb)
Rundschau (Oberpfalz)
Waldsassener Anzeiger
De Volkskrant (Niederlande)

Am 20.12.2010 (erster Staatsbesuchs eines bayerischen Ministerpräsidenten in Tschechien) Süddeutsche Zeitung: „Die Bürger ... sind längst weiter als ihre politische Führung.“

Rundfunk und Fernsehen: Bayerischer Rundfunk, 2. Programm ( Sendungen am 11. 9. 2003  –  30. 10. 2006)  29. 9. 2007: „Vom Rande der Welt in die Mitte Europas“)
"Abendschau " d. Bay. Fernsehen (29. 8. 2003,  Teil einer Live-Sendung über die Stadt Waldsassen)
Televize Prima und Oberpfalz-TV, nach Bekanntgabe der Auszeichnung „Brückenbauer 2011“ (12. 3., bzw 4. 4. 2011)
Juli 2012: Bayerisches Fernsehen (Heio Letzel) „Grenzland – Zwischen Böhmen undOberpfalz“
Zapad-TV und Český Rozhlas-Radiožurnál (Ehrung am 11. 11. 2013)
Ehrungen:
  • Europapreis des Kreisverbandes Tirschenreuth der Europa-Union, (am 20. 10. 2003 und am 28.10.2010)
  • Preis „Brückenbauer 2011 – Stavitel Mostů 2011“, Centrum Bavaria Bohemia in Schönsee (25. 3. 2011)
  • Ehrung (Günther Juba) durch die Stadt Cheb, Erster Bgm. RNDr. Pavel Vanoušek, (11. 11. 2013)
  • Ehrung (PhDr. Marcela Brabáčová) durch die Stadt Waldsassen, Erster Bgm. Bernd Sommer (9. 10. 2017)

Nachtrag

Seit dem EU-Beitritt hat sich das deutsch-tschechische „Klima“ erheblich verbessert
  • Tschechen fühlen sich nicht mehr unterlegen (da wirtschaftlicher Aufschwung)
  • „Familienmitglieder“ im gemeinsamen Europa
  • Viele Deutsche können jetzt die Unterdrückung durch den Kommunismus nachvollziehen: Was in Cheb seit der Wende geleistet wurde, wird mit Staunen anerkannt: erfolgreiche Industriezone - Arbeitsplätze, Gelände der Gartenschau, Wiederaufbau der Türme der Nikolauskirche, Renovierungen in der Altstadt, moderne Fußgängerzone, riesige Einkaufzentren, der deutsche Soldatenfriedhof
  • Die Veränderungen in Tschechien haben häufig geistig anregend gewirkt: Aufgeschlossenheit, eigene Initiative, Selbständigkeit,...
  • Viele Bewohner von Cheb/Eger haben großes Interesse an der deutschen Vergangenheit ihrer Stadt und tragen „die Stafette der Kultur“ weiter.
  • auch die Sudetendeutschen werden nicht mehr mit Angst betrachtet
  • „Negativ-Image“ von Cheb (Prostitution, Drogenhandel, ...) erfolgreich abgebaut,
  • auf dem Weg zur „normalen“ Nachbarschaft ( trotz der sprachlichen Probleme)
allerdings Es ist Wunschdenken zu glauben, die geschichtlich verursachten  Belastungen dieser Nachbarschaft werden von selbst, auf „natürlichem Wege aussterben“.
Nationalistische Vorurteile und gibt es immer noch.
Diese werden jetzt nur selten laut geäußert - sie können aber jederzeit wieder aufbrechen (bei politischen Konfikten, aus wirtschaftl. Gründen ...).
Im Mai 2016 wurden Waldsassen und Cheb zum gemeinsamen „Oberzentrum“ erklärt. Für sehr viele Leute sind damit lediglich (geringe) finanzielle Erwartungen verbunden. Ein „Wir-Gefühl“ ist daraus nicht entstanden.
deshalb Die „Sprachbarriere“ und eine andere Einstellung verlangen, dass auch in Zukunft diese Nachbarschaft sensibel und engagiert gepflegt wird.
Es ist weiterhin dringend nötig, wachsam zu bleiben!
Deshalb werden Bürgeraktionen gegen nationale Vorurteile (wie unser „Stammtisch“) noch lange unverzichtbar bleiben.

Günther Juba, Februar 2018